Mit der begehbaren, interaktiven und immersiven Videoinstallation „Traceland“ untersucht die Künstlergruppe M. o. M. das Verhältnis von individueller Persönlichkeit zu virtueller Identität. Die Installation visualisiert mittels Motion-Tracking Kameras, Projektoren und Processing Ausmaß und Verortung der permanenten Datenproduktion sowie den Umgang des Individuums mit den eigenen Daten und denjenigen, die diese Daten sammeln.

An die Gegenüberstellung von realem zu virtuellem Raum schließen sich gesellschaftspolitische Fragen an, etwa nach der Weiterentwicklung von Algorithmen zur Prädiktion menschlichen Verhaltens – und ganz grundsätzlich nach den Möglichkeiten von Datengebrauch und Datenmissbrauch im Angesicht von „Big Data“.

Technische Daten:
Begehbare interaktive Videoinstallation für 3 Videoprojektoren mit Motion-Tracking Kameras und Datenauswertung via Cinder.

Beteiligte:
Idee, Konzeption, Gestaltung und technische Umsetzung: Francis Eggert (Hamburg), Yochanan Rauert (Münster), Sven Stratmann (Münster)
Programmierung: Thomas Sanchez-Lengeling (Mexico City)

Jeder weiß es, alle betrifft es, alle machen mit und fast jeder schaut weg: Microsoft, Apple, Facebook, Amazon und Twitter – auch viele kleine Unternehmen – vernetzen und berechnen mittels sogenannter „Metadaten“ die Welt. Daten und Metadaten sind das Kapital des 21. Jahrhunderts. Weltkonzerne erfassen mit dem Konzept „Big Data“ nicht nur weltumspannende Warenströme, sondern auch das „Humankapital“ wird mittels „Datamining“ aktiviert, bewertet und ausgebeutet.
In diesem virtuellen Goldrausch verlieren wir – wie Schuppen – eine unschätzbares Gut: persönliche Standortdaten, Verbindungsdaten, Einkaufswünsche, Interessen in Form von Suchbegriffen oder Newsfeeds, individuelle Profilinformationen wie Hobbies oder den aktuellen Beziehungsstatus – ohne die Sicherheit zu haben, wirklich über Kontrolle über die eigenen, aktiv oder passiv freigegebenen Daten zu verfügen.

Doch nicht nur Konzerne werten anfallende Daten ihrer potentiellen Kunden aus, auch Staaten horchen ihre Bürger aus, teilweise um diese zu verwalten (Arbeitsagentur, Sozialamt usw.), teilweise unter dem Vorwand, diese zu schützen (Polizei und Geheimdienste). Mit dem Gefühl berechenbar zu sein geht auch ein fast paranoides Gefühl des Freiheitsverlustes einher. „Dabei gibt es nichts, was sie nicht angreifen. Ob Banken, Versicherungen, Mobilfunkunternehmen, Mailanbieter – überall dort, wo Daten lagern, sind auch Geheimdienste aktiv. Unternehmen müssen sich daher nicht nur vor Diebstahl durch Kriminelle oder kriminell handelnde Konkurrenten schützen, sondern auch vor Staaten, ja sogar vor dem eigenen Staat.“ Nicht erst seit den NSA-Enthüllungen durch Edward Snowden geht die Befürchtung um, der Mensch sei inzwischen komplett durchschaubar und „gläsern“ geworden und es könne durch die maschinelle Kategorisierung von Individuen Missbrauch getrieben werden. Dabei ist z.B. in Hinsicht auf die Rasterdatenfahndung ein passives, zurückgezogenes Datennutzungsverhalten eher verdächtig als ein „normales“ (Schlagwort Schläfer-Terroristen).
„Wir steuern auf eine digitale Datengesellschaft zu, über die wir zu wenig wissen.“ Die Menschen müssen sich also bewegen und ihr Verhalten verändern, um nicht Opfer einer zunehmenden, allumfassenden Kommerzialisierung und Überwachung zu werden. Schon Benjamin Franklin (1706-1790) schrieb: „Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig mehr Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.“ Da auch der Erfolg der Rasterdatenfahndung zweifelhaft ist, werden in der Videoinstallation TRACELAND entsprechend dem Grundsatz, dass auch ein blindes Huhn hin und wieder ein Korn findet, dennoch die in die Personen-Silhouetten willkürlich hineingesetzten Daten hin und wieder auch zu den Individuen passen, die von der Kamera erfasst wurden.

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